Artikel · Praxis · 3 Min. Lesezeit

KI in Industrie-KMU: wie Sie das Wissen Ihrer Erfahrenen sichern, mit ERP und MES statt dagegen

Adam D. Wisniewski, Managing Partner
20. Oktober 2026
Kurz gesagt

Schweizer Industrie-KMU nutzen KI am wirksamsten, um das Wissen erfahrener Fachleute festzuhalten und allen zugänglich zu machen: in der Arbeitsvorbereitung, bei Störungen und in der Einarbeitung. ERP und MES bleiben die führenden Systeme. Die KI liest dort Aufträge, Arbeitspläne und Störmeldungen, Entscheide trägt weiterhin ein Mensch im System ein. Ein Pilot dauert je nach Komplexität acht bis zwölf Wochen und beginnt mit einer Ausgangsmessung.

Der Arbeitsmarkt entspannt sich, das Wissen wird trotzdem knapp

Der Fachkräftemangel-Index der Adecco Group und der Universität Zürich lag 2025 rund 22 % unter dem Vorjahr. Nur noch vier von 32 Berufsgruppen gelten als Mangelberufe. Zwei davon betreffen die Industrie direkt: ingenieurtechnische Fachkräfte sowie Elektrikerinnen und Elektroniker.

Die Entspannung folgt der Konjunktur. Die Demografie läuft weiter: Gemäss economiesuisse erreichen ab 2029 jährlich über 30’000 Personen mehr das Pensionsalter, als junge Menschen nachrücken. Mit jeder Pensionierung geht Wissen, das in keinem System steht: wie eine Maschine bei einem bestimmten Material eingerichtet wird, welche Störung sich wie ankündigt, was ein Kunde stillschweigend erwartet.

Der Engpass der nächsten Jahre sind weniger die Stellen als das Wissen, das mit den Erfahrenen geht.

Wo KI in der Produktion hilft

Die wirksamsten Einsatzfelder in Industrie-KMU haben eines gemeinsam: Sie machen das Wissen der Besten für alle verfügbar, und die Fachperson behält den Entscheid.

Einsatz Was die KI tut Wirkung
Wissensassistent bei Störungen und Wartung Durchsucht Handbücher, Störprotokolle und Wartungshistorie und schlägt bewährte Lösungen mit Quelle vor Kürzere Stillstände, neue Mitarbeitende werden schneller selbständig
Arbeitsvorbereitung und Programmierung Schlägt Werkzeuge, Parameter und Abläufe vor, gelernt aus früheren Aufträgen der besten Fachleute Weniger Zeit pro Auftrag, gleichmässigere Qualität
Offerten und Kalkulation Findet ähnliche frühere Aufträge im ERP und bereitet eine Kalkulation vor Schnellere Offerten, weniger Abhängigkeit von einzelnen Kalkulatoren
Qualitätsabweichungen Wertet Prüfprotokolle und Abweichungsberichte aus und erkennt wiederkehrende Muster Ursachen werden früher sichtbar
Einarbeitung Beantwortet Fragen zu Arbeitsplänen und Anweisungen in Alltagssprache Erfahrene werden weniger unterbrochen

Wie das im Grossen aussieht, zeigt unser Projekt mit Hexagon: Ein KI-Assistent lernt von den besten Experten und unterstützt 30’000 Techniker bei der Werkzeugauswahl. Das spart 700’000 Arbeitsstunden und CHF 4.2 Mio. pro Jahr. Das Muster funktioniert auch in einem Betrieb mit 80 Mitarbeitenden, in kleinerem Massstab.

ERP und MES: KI daneben, nicht anstelle

Viele Geschäftsleitungen zögern, weil sie ein neues Grossprojekt in der Informatik befürchten. Das ist nicht nötig. Fünf Grundsätze halten den Aufwand klein:

  1. ERP und MES bleiben führend. Aufträge, Arbeitspläne und Rückmeldungen bleiben dort, wo sie heute sind.
  2. Die KI liest zuerst nur. Sie greift über bestehende Schnittstellen oder Exporte auf die Daten zu und schreibt nichts zurück. Entscheide trägt weiterhin ein Mensch im System ein.
  3. Beginnen mit den Daten, die es gibt. Auftragshistorie, Störmeldungen, Prüfprotokolle und Handbücher reichen für den Anfang. Perfekte Daten sind keine Voraussetzung.
  4. Die Funktionen Ihres ERP prüfen. Viele Anbieter bringen eigene KI-Funktionen mit. Entscheidend ist, ob sie Ihren Engpass treffen.
  5. Ihr Wissen bleibt Ihres. Konstruktionsdaten und Kundenzeichnungen gehören nur in Umgebungen mit Firmenvertrag und ohne Training der Anbietermodelle mit Ihren Daten.

Das Wissen der Erfahrenen sichern, bevor es geht

Der wertvollste Schritt ist oft der einfachste: Halten Sie fest, was Ihre erfahrensten Leute wissen, solange sie da sind.

  1. Schlüsselpersonen bestimmen. Wer geht in den nächsten fünf Jahren in Pension, und wessen Wissen fehlt dann?
  2. Wissen erfassen. Kurze Gespräche, kommentierte Beispiele aus dem Alltag, Erklärungen an der Maschine. Die KI macht daraus durchsuchbare Anleitungen mit Quellenangabe.
  3. Von den Erfahrenen prüfen lassen. Sie geben frei, was stimmt. Das schafft Vertrauen und würdigt ihre Arbeit.

Wo Schweizer KMU heute stehen

Gemäss der AXA-Studie vom September 2026 nutzen drei von vier Schweizer KMU KI im Arbeitsalltag. 35 % haben sie bewusst in Abläufe eingebaut. Der Einsatz zur Optimierung von Arbeitsschritten stieg innert eines Jahres von 23 auf 35 %. In der MEM-Industrie gewinnen Kompetenzen mit KI-Bezug laut BAK Economics vor allem bei Technologieführern an Bedeutung, die Mehrheit wartet noch ab. Wer jetzt beginnt, baut einen Vorsprung auf.

In drei Schritten beginnen

  1. Einen Engpass wählen: Wo warten Aufträge auf eine einzelne Person, wo dauern Störungen zu lange, wo kostet die Einarbeitung am meisten?
  2. Einen Pilot mit Messung: Je nach Komplexität acht bis zwölf Wochen, lesender Zugriff auf ERP, MES und Dokumente, eine Ausgangsmessung vor dem Start.
  3. Skalieren, was wirkt: Auf weitere Linien, Standorte oder Abläufe, mit einem kurzen Bericht an Geschäftsleitung und Verwaltungsrat.

Häufige Fragen

Müssen wir für KI unser ERP ersetzen?

Nein. ERP und MES bleiben die führenden Systeme. Die KI liest dort die Daten, die sie braucht, über bestehende Schnittstellen oder Exporte.

Sind unsere Daten gut genug für KI?

Meist ja, für einen Anfang. Auftragshistorie, Störmeldungen und Handbücher genügen. Lücken zeigen sich im Pilot und lassen sich gezielt schliessen.

Ersetzt KI unsere Fachleute?

In der Industrie fehlen eher Fachleute, als dass es zu viele gäbe. KI hilft, ihr Wissen zu teilen, neue Mitarbeitende schneller einzuarbeiten und die Erfahrenen von Routinefragen zu entlasten.

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